Wesentliche Dialogelemente

Der Dialogprozess

Bohm ist der Ansicht, dass Gruppen ab etwa zwanzig Teilnehmenden durch die Vielfalt der Meinungen den Mikrokosmos einer grösseren Gemeinschaft darstellen können. Bei einer Gruppe mit nur wenigen Teilnehmenden besteht dagegen die Gefahr, dass sich diese anpassen und damit nichts Neues entstehen kann. (Vgl. Bohm 2011, S. 43f.) Wesentlich ist für Bohm, dass die Teilnehmenden in einem Kreis sitzen, was eine direkte Kommunikation ermöglicht. Prinzipiell sollte es weder eine Leitung noch eine Tagesordnung oder Zielsetzungen geben. Am Anfang kann eine Dialogbegleitung aber nützlich sein, welche „die Gruppe eine Zeitlang im Auge behält und von Zeit zu Zeit erklärt, was gerade geschieht.“ (Vgl. ebd., S. 47) Der Dialog sollte über eine längere Zeit (ein, zwei Jahre regelmässige Treffen, z. B. wöchentlich) aufrechterhalten werden. Ist eine Vertrauensbasis aufgebaut, kann alles thematisiert werden, es gibt keine Einschränkungen. Anfangs sprechen die Teilnehmenden direkt miteinander, im Verlauf wird es möglich, zur ganzen Gruppe zu sprechen. (Vgl. ebd., S. 48f.)

 

Wichtig ist der Grundsatz, dass in einer Dialoggruppe nichts entschieden wird und nicht versucht wird, etwas Nützliches zu tun, weil dies einschränkend wirken würde. In einer neuen Gruppe wird am Anfang um den heissen Brei herumgeredet. Es kann auch sein, dass die Gruppe nicht bereit ist, sich mit tiefer gehenden Fragen auseinanderzusetzen, sondern in Verhandlungen ihrer Ansichten verharrt, was nicht als Dialog bezeichnet werden kann. Das kommt oft vor, bedeutet aber nicht, dass Dialog nicht möglich ist. (Vgl. ebd., S. 50-53) Eine Schwierigkeit stellen auch die Annahmen der Teilnehmenden über sich selber dar. So sehen sich einige als dominant und reden viel, andere sehen sich als schwach und machtlos und halten sich zurück. Ein Prinzip des Dialogs ist deshalb, allen Teilnehmenden zu ermöglichen, sich auszudrücken. (Vgl. ebd., S. 72f.)

Dialogphasen

In der ersten Phase wird um den heissen Brei herumgeredet. In einer zweiten Phase kommen mit der Zeit die tief sitzenden Annahmen der Teilnehmenden ans Licht, Frustrationen und Chaos entstehen, Emotionen kommen auf. Wenn der Dialog fortgesetzt wird, kann in einer dritten Phase etwas Neues entstehen. (Vgl. ebd., S. 54)

In der Schwebe halten

Eine zentrale Aufgabe besteht in der zweiten Phase darin, die eigenen Annahmen in der Schwebe zu halten. Gemeint ist, dass man weder handelt, wenn diese angezweifelt werden, noch sie unterdrückt. Das setzt voraus, dass man sie weder als wahr noch als unwahr betrachtet und sie nicht beurteilt. (Vgl. ebd., S. 55) Die ganze Gruppe kann so im Dialog zu einem Spiegel werden. Es wird im Prozess deutlich, was in der Gruppe vorgeht und dass alle im selben Boot sitzen. (Vgl. ebd.)

Kernkompetenzen und dialogische Grundhaltung

William Isaacs setzte sich in Forschung und Praxis intensiv mit dem Bohmschen Dialog auseinander und entwickelte ihn für die Anwendung in Organisationen weiter. Neben dem bisher schon Gesagten ist meines Erachtens insbesondere die ausführliche Erläuterung der vier Kernkompetenzen hilfreich, nämlich: Zuhören, Respektieren, Suspendieren und Artikulieren. (Vgl. Isaacs 2011, S. 83-153)

Die Kernkompetenzen, umschreiben die dialogische Grundhaltung. In dialogischer Grundhaltung geht es darum, andere Menschen wirklich verstehen zu wollen und sich ihnen auch verständlich mitzuteilen. Beides ist voneinander abhängig. Dadurch wird es möglich, andere nicht für die eigenen Ideen oder Absichten gewinnen zu müssen. Aufgrund des Austausches kann das eigene Denkkonstrukt reflektiert und allenfalls geändert werden. Es eröffnet sich mehr Freiraum, indem es gelingt, die eigenen Absichten loszulassen, von Zwängen befreit zu werden und Verantwortung teilen zu können. (Vgl. Dietz; Kracht 2011, S. 107f.)

Dialogbegleitung

Isaacs ordnet den Dialogverlauf vier Phasen oder Feldern zu und schlägt als Leitfaden für die Dialogbegleitung vor, sich an diesen vier Dialogphasen zu orientieren. (Vgl. Isaacs 2011, S. 239) Am Anfang, im ersten Feld, herrscht Höflichkeit, es wird ein gemeinsamer Monolog geführt, in dem man sich nicht zu nahe tritt, Differenzen werden nicht wahrgenommen. (Vgl. ebd., S. 214-220) Die Dialogbegleitung muss sich der eigenen Intentionen in Bezug auf die Gruppe bewusst sein. Wesentlich ist, dass der Anfang gelingt, da er den Fortgang des Dialogs massgeblich prägt. Isaacs meint: „Der Anfang ist alles.“ (Vgl. ebd., S. 240) Im zweiten Feld sagen die Teilnehmenden, was sie denken, Konflikte entstehen, was zu Instabilität, zum Zusammenbruch führt, es entsteht eine kontrollierte Diskussion oder gute Konversation. (Vgl. ebd., S. 220-225) Aufgabe der Begleitung ist es, die Systemstruktur sichtbar zu machen und eine sichere Atmosphäre zu schaffen, die Konflikte aushält. Durch Vorbild bezüglich Reflexion soll den Teilnehmenden aufgezeigt werden, was von ihnen erwünscht wird. (Vgl. ebd., S. 241-243) Im dritten Feld beginnt eine andere Form des Gesprächs, das durch Erkundung des Felds einen reflexiven Dialog entstehen lässt. (Vgl. ebd., S. 225-230) Hier sollte die Begleitung die reflektierende Erkundung vorleben, indem offen über die eigenen Reaktionen nachgedacht wird und die andern dazu bewogen werden, dasselbe zu tun. Die Begleitung wird mehr und mehr teilnehmendes Mitglied. (Vgl. ebd., S. 243f.) Im vierten Feld schliesslich entsteht Kreativität im generativen Dialog. (Vgl. Isaacs 2011, S. 230-238) Die Begleitung unterstützt die Gruppe darin, herauszufinden, was für andere getan werden kann und ermutigt die Teilnehmenden breiter und tiefer zu denken. (Vgl. ebd., S. 244f.)

 

Senge betont die Wichtigkeit einer Dialogbegleitung, deren Aufgabe als Prozessbegleitung darin besteht, den Dialog zusammenzuhalten, die Teilnehmenden dabei zu unterstützen, den Prozess und die Ergebnisse in der Hand zu halten und Annahmen aufzuheben. Die Kunst ist es, den Dialogprozess zu fördern, aber nicht in die Expertenrolle zu geraten. Durch die Kenntnisse des Dialogablaufs sind der Dialogbegleitung prozessfördernde Hinweise möglich, sie nimmt eine Vorbildrolle ein und sagt nur soviel, wie nötig ist. (Vgl. ebd., S. 268) Die Begleitung erkennt Schwierigkeiten im Dialog, welche durch Missverständnisse oder Emotionen entstehen können und hilft, diese auftretenden Krisen zu bewältigen. Die Begleitung muss dazu in der Lage sein, die Aufmerksamkeit der ganzen Gruppe aufrecht zu erhalten, komplexe Beziehungssysteme oder allfällige Abwehrhaltungen wahrzunehmen und thematisieren zu können. Dazu muss sie ihre eigenen Abwehrmechanismen und deren Auslöser kennen. In der Gruppe muss sie so präsent sein, dass sie in der Lage ist, alle auftretenden Spannungen zu erkennen und die dahinter stehenden unterschiedlichen Auffassungen in den Dialog einzubeziehen. (Vgl. Senge 2008, S. 434f.)

Dialogsetting

Im Dialogsetting werden grundsätzlich thematischer und generativer Dialog unterschieden. Beim thematischen Dialog kann ein Thema vordefiniert werden, das im Dialog untersucht werden soll, oder man einigt sich zu Beginn des Dialogs auf ein Thema. Der generative Dialog hat kein vordefiniertes Thema, es kann aber innerhalb des Dialogs ein Thema in den Fokus der Gruppe gelangen. Eine weitere Differenzierung findet vor allem im Organisationskontext statt, wo als dritte Settingvariante vom strategischen Dialog gesprochen wird. Dieser unterscheidet sich von den andern vor allem dadurch, dass ein strategisches Ziel verfolgt wird, was auch eine aktivere Rolle der Dialogbegleitung nach sich zieht, indem sie dafür besorgt ist, dass dieses Ziel im Fokus bleibt. (Vgl. Hartkemeyer u. a. 2010, S. 110f.)

 

Die Gestaltung des Settings kann individuell erfolgen. Die Regel ist, dass sich die Teilnehmenden in einem Stuhlkreis befinden, so dass sich alle sehen können. Oft wird mit einem Sprechsymbol gearbeitet, was zur Verlangsamung beiträgt und durch die Klarheit von Beginn und Ende eines Sprechaktes die Aufmerksamkeit nicht dadurch beeinträchtigt, dass diese auf die Gelegenheit fokussiert, den Moment zu erwischen, um selber sprechen zu können. Als weiteres Hilfsmittel zur Verlangsamung werden Klangschalen eingesetzt. Soll eine Pause entstehen, z. B. um einen Gedanken wirken zu lassen, in Ruhe betrachten zu können, schlägt eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer die Klangschale an und solange der Ton anhält, wird nicht gesprochen. Für den Dialog sollten wenn möglich neunzig Minuten oder mehr Zeit veranschlagt werden.

 

In der Praxis hat es sich bewährt, auf eine Tagesordnung oder komplexe Vorbereitung zu verzichten, da dies einschränkend wirken würde. Zum Beginnen des Dialogs empfiehlt es sich, eine Einstiegsrunde durchzuführen. In dieser Runde kommen alle Teilnehmenden der Reihe nach zu Wort und haben die Gelegenheit, ein paar Minuten zu erzählen, was sie gerade beschäftigt, welche Gefühle vorherrschen und was aufgefallen ist. Dabei sprechen die Teilnehmenden, wie während des folgenden Dialogs auch, nicht direkt zueinander, sondern in die Mitte. (Vgl. Senge 2008, S. 439f.) Steht nicht bereits ein Thema fest, ergibt sich aus dieser Einstiegsrunde oft ein erstes Thema für den Dialog, das aber im Verlauf wieder verlassen werden kann. Nach der Einstiegsrunde beginnt der eigentliche Dialog, während dem das Sprechsymbol in der Kreismitte liegt. Will jemand einen Beitrag leisten, holt sie oder er den Sprechgegenstand aus der Mitte, geht zurück, setzt sich auf den Stuhl und spricht. Danach wird das Sprechsymbol wieder in die Mitte gelegt. An den Dialog anschliessend folgt ähnlich der Einstiegsrunde eine Auscheckrunde. In dieser Runde erzählen die Teilnehmenden, welche Erkenntnisse sie gewonnen haben, was sie besonders berührt oder irritiert hat.