Grundlegende Gedanken zum Dialog

Bohms Dialogverständnis

Der theoretische Physiker David Bohm (1917 bis 1992) gilt als der eigentliche Vater des Gruppendialogs. Beeinflusst wurde er neben seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Quantenphysik durch den indischen „Weltlehrer“ Jiddu Krishnamurti und den britischen Psychoanalytiker und Gruppentherapeuten Patrick de Maré, mit denen er befreundet war und deren Ideen er aufnahm. Es ist anzunehmen, dass Bohm Martin Bubers Schriften zum Dialog gekannt hat und dass er sich auch auf dessen Gedankengut bezieht. (Vgl. Zimmer 2010, S. 1-3) Bohm hat die Grundlage geschaffen, auf welcher vor allem am Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Weiterentwicklung und Erforschung des Dialog-Konzepts zur Nutzung in Organisationen erfolgte.

Das Problem der Kommunikation

Bohm weist darauf hin, dass die Art und Weise der Kommunikation zwischen Menschen nicht zu intelligentem Handeln führt, sondern zu Problemlösungen, die neue Probleme verursachen. Denn unter Kommunikation wird verstanden, Informationen möglichst genau weiterzugeben. In einem Dialog dagegen werden die unterschiedlichen Bedeutungen deutlich, welche Informationen enthalten, und beim Nachdenken über diese Differenzen kann etwas Neues erkennbar werden. Das bedingt allerdings, dass die Beteiligten fähig und willens sind, „einander unvoreingenommen und vorurteilsfrei zuzuhören, ohne zu versuchen, sich gegenseitig zu beeinflussen.“ (Vgl. Bohm 2011, S. 26-28).

Dialog als freier Sinnfluss

Bohm leitet die Bedeutung des Wortes Dialog vom griechischen „dialogos“ ab. „Logos heisst ‚das Wort’ oder auch ‚Wortbedeutung, Wortsinn’. Und dia heisst ‚durch’ – nicht ‚zwei’.“ (Bohm 2011, S. 32f.) Der Geist des Dialogs besteht darin, dass ein freier Sinnfluss unter den Teilnehmenden, durch sie hindurch und zwischen ihnen fliesst. So kann etwas Neues entstehen, neue Einsichten können gewonnen werden. Als Gegensatz zum Dialog weist Bohm auf die Diskussion hin, bei der es darum geht, zu gewinnen, indem man versucht, sich mit seinen Argumenten durchzusetzen. Im Dialog ist nicht das Ziel zu gewinnen, sondern zu lernen, so gewinnen alle. (Vgl. Bohm 2011, S. 33f.)

Das Denken als Problem und Chance

„Im Grunde ist das Ziel des Dialogs, dem Denkvorgang auf den Grund zu gehen und den kollektiven Ablauf der Denkprozesse zu ändern.“ (Bohm 2011, S. 37) Das Denken ist Ursprung der Fragmentierung, indem es alles in kleine Einheiten aufteilt und in der Folge Zusammenhänge nicht mehr wahrnehmbar sind. Dieser Prozess ist normalerweise nicht bewusst oder, wie Bohm es formuliert:

Der entscheidende Punkt ist: Das Denken bewirkt etwas, sagt aber, ich war’s nicht. Und das ist ein Problem. Das Schlimme ist: einige der vom Denken hervorgebrachten Resultate gelten als äußerst wichtig und wertvoll. (Ebd., S. 39.) 

 

Indem im Dialog die Auseinandersetzung mit dem Denken und die Beobachtung des Denkens erfolgt, werden die zentralen Probleme erkennbar und es wird eine kreative Transformation möglich. Es wird bewusst, dass eine Änderung der Denkweise unerlässlich ist, weil andernfalls Probleme durch das Denken laufend reproduziert werden. Es gilt, sich der Konsequenzen unseres Denkens bewusst zu werden. Bohm verortet im nicht propriozeptiven Denken die Ursache praktisch aller Probleme der Menschheit. Durch propriozeptives Denken, also ein Denken, das bewusst erfolgt, das weiss, was es tut, können nachhaltige Lösungen möglich werden. Der Dialog kann dabei helfen, „kollektiv ein neues Bewusstsein zu schaffen“. (Vgl. Bohm 2011, S. 62-65.)